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Florenz
Biblia pauperum, die Bibel der Armen, nannte man die Fresken, die in den mittelalterlichen Kirchen die Legenden der Heiligen darstellten, aufgrund ihrer didaktischen Funktion. Sie waren ein Mittel, um dem Volk, das größtenteils aus Analphabeten bestand, die Legenden über Gott und seine Heiligen näher zu bringen. Aber abgesehen von ihrer Funktionalität, stellen die Freskenzyklen auch einen der Kunstbereiche dar, in dem sich in der Vergangenheit Größen wie Giotto und Masaccio bis hin zu Michelangelo verewigten.
In Florenz zieren zwei bekannte Freskenzyklen die Wände der Kapellen der Bardi und Peruzzi in der Kirche Santa Croce; die Legenden des Heiligen Franziskus und Johannes des Täufers sowie des Verfassers des Evangeliums wurden von Giotto und seinen Gehilfen gemalt. Die Kirche beherbergt jedoch noch andere Zyklen von bemerkenswertem Interesse: Dem Maler Agnolo Gaddi sind die Fresken zur Auffindung des Kreuzes in der Cappella Maggiore und die Legenden des Heiligen Abt Antonius und Johannes des Täufers sowie des Verfassers des Evangeliums zu verdanken.

Die in den Kirchen erzählten Legenden beziehen sich für gewöhnlich auf den Heiligen, dem die Kirche gewidmet ist, den religiösen Orden, der die Kirche leitet oder auf die Patronatsfamilien der Kapellen. Im letzten Fall stimmt der Name des auserwählten Heiligen oft mit dem des Auftraggebers überein. Auf diese Weise sind in Santa Croce die Legenden des Heiligen Franziskus erzählt, und in Santa Maria Novella haben die Fresken der Spanischen Kapelle von Andrea del Bonaiuto (ca. 1367-69) den Kampf der Dominikaner gegen die Ketzerei zum Thema. Im Inneren der Kirche zieren Fresken aus dem Leben des Heiligen Philipp (1494-1502) von Filippino Lippi die Kapelle der Familie Strozzi.

Ausgehend von dem dargestellten Thema, bieten die auf den Wänden erzählten Geschichten dem Betrachter noch weitere faszinierende Denkanstöße: Oftmals finden die Szenen an Schauplätzen der damaligen Städte statt und zeigen zeitgenössische Architektur, Kleidung und Möbel auf eine Weise, die man mit einer Postkarte der Vergangenheit vergleichen könnte. Dies ist insbesondere bei der Kapelle der Tornabuoni in der Kirche Santa Maria Novella (1485-90) der Fall. In den von Ghirlandaio gemalten Fresken können die prachtvollen Kleider der Hofdamen sowie die luxuriösen Innenausstattungen der Adelshäuser des 15. Jahrhunderts bewundert werden.

Vor allem dienten die Fresken jedoch der Experimentierfreudigkeit bei der räumlichen Darstellung von Gegenständen in der Zeichnung der Perspektive. Dieses Problem, das bereits Giotto auf seine Art mit einer empirischen Perspektive anging, ist von Masaccio im Freskenzyklus der Brancacci-Kapelle in der Kirche Santa Maria del Carmine (1424-28) mit einer derartigen Meisterhaftigkeit gelöst worden, dass er fortan als Studienobjekt für nachfolgende Künstler diente, darunter vor allem Michelangelo.
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